17.09.2019 / Artikel / /

Für mehr Gemeinschaft und offene Kirchen – Bettagsmandat von Dr. Anton Lauber

Neben Weihnachten bietet der Eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag eine gute Gelegenheit, wieder einmal in die Kirche zu gehen. Er ist ein staatlich angeordneter, ökumenischer Feiertag, der von allen christlichen Kirchen und der Israelitischen Kultusgemeinde gefeiert wird. Gemeinschaft steht dabei im Zentrum. Christian Jungen hat diese Gemeinschaft in der NZZ am Sonntag zu Weihnachten 2018 schön beschrieben: „Die Kirche ist einer der letzten Orte, wo sich Menschen aller Generationen und aller sozialen Schichten begegnen – und zwar auf Augenhöhe. Die Kirche ist ein Bollwerk gegen den übersteigerten Individualismus unserer Gesellschaft, die immer stärker nach dem Prinzip von Georg Franks „Ökonomie der Aufmerksamkeit“ funktioniert: Wer hat, dem wird gegeben – mehr Lohn, mehr Flugmeilen, mehr Likes auf Social Media. Die Kirche hingegen behandelt alle gleich und verlangt, dass sich jeder einfügt.“

Das sich Einfügen bildet wohl das pièce de résistance. Religion und Kirche werden nicht selten nach dem „Prinzip des Selbstbedienungsladens“ gelebt. Diesen Trend hat Pfarrer Markus Christ, der Präsident der Stiftung für jüdisch-christliche Projekte, kürzlich in einem Interview in der Volksstimme thematisiert und treffend auf den Punkt gebracht: „Viele Leute haben sich eine Art Patch-work-Religion zurechtgelegt. Sie nehmen aus dem Buddhismus, was sie überzeugt, dazu etwas aus dem Yoga, dann noch etwas von diesem und jenem, und das ist dann ihre Religion. Stellt man sich seine Religion aber selbst zusammen, wird sie zu einer Individualreligion und das Gemeinschaftserlebnis fehlt.“ Weil das sich Einfügen eben nicht stattfindet.

Wesentliche Anliegen des Christentums wie Nächstenliebe, Gemeinschaft und Solidarität sowie die Aufforderung, Verantwortung für sich und die Nächsten zu übernehmen, finden in dieser Individualreligion keinen Platz mehr. Bei der „Patchwork-Religion“ geht es vielmehr darum, mit sich selbst zufrieden zu sein. Mit anderen Worten: Die Bereitschaft, sich über einen längeren Zeitraum für die Gesellschaft zu verpflichten und sich für eben diese zu engagieren, schwindet. „Zur Kirche aber gehört eigentlich eine lebenslange Mitgliedschaft,“ so Pfarrer Markus Christ.

Was also können wir tun? Ein Patentrezept gibt es wohl nicht. Aber was unsere Gesellschaft braucht, ist eine offene, initiative Kirche, die auf die Menschen zugeht und sie zur Mitwirkung einlädt. Sie schafft Angebote, hinter denen keine allzu grossen Verpflichtungen stehen. Von zentraler Bedeutung ist dabei der Austausch zwischen Jugend und Kirche. Pfarrer Markus Christ bringt die Thematik mit folgenden Worten auf den Punkt: „Es wächst in den nächsten Jahren eine Generation heran, die nie mit Religion zu tun gehabt hat, weil sich die Eltern entschieden haben, aus der Kirche auszutreten. Diesen jungen Leuten müssen wir Religion und Kirche wieder vermitteln. Das ist aber eine schwierige Aufgabe.“ Ich persönlich bin überzeugt, dass sich dieses Engagement für die Jugend lohnen wird. Denn das Christentum hat mit den Evangelien frohe Botschaften im Angebot!

„Kirche kann nicht Kirche sein ohne Beziehung zur Politik oder ohne verantwortlichen sozialen Ein-satz.“ Dieser Satz stammt von Huldrych Zwingli, dessen Wirken vor knapp zwei Jahren im Mittel-punkt der Feiern zum Jubiläum „500 Jahre Reformation“ gestanden ist. In der Tat hat die Kirche zwei zentrale Rollen: Einerseits die Funktion als Ratgeberin in ethischen Belangen und anderer-seits die Förderung des sozialen Engagements für die Geschwächten in unserer Gesellschaft. Diese zwei Rollen werden von vielen Menschen noch heute anerkannt. Und genau aus diesem Grunde bezahlen viele ihre Kirchensteuern, auch wenn sie persönlich seit Jahren keinen Gottesdienst mehr besucht haben. Und genau darin liegt die Erkenntnis, dass allein schon die christlichen Werte in unserer Gesellschaft Gemeinsinn stiften und die Solidarität untereinander fördern.

Religion und Kirche betten den Staat in ein grösseres Ganzes ein. Die Kirche ist die Hüterin der Idee von Gerechtigkeit und Freiheit. Das ist auch der Grund, weshalb die Präambel in unserer Bundesverfassung auf den Allmächtigen und die Schöpfung verweist. Mit Blick auf das Fundament der Kirche und deren ethische Werte für die Gesellschaft mahnt denn auch Christoph Sigrist, Pfarrer im Zürcher Grossmünster und damit der 33. Nachfolger von Huldrych Zwingli, wie folgt: „Eine Gesellschaft ohne Religion und Kirche ist brandgefährlich.“

Eine gerechte und offene Gesellschaft will heissen: Wir reden miteinander persönlich und hören einander zu, wir interessieren uns füreinander, wir engagieren uns füreinander: heute in der Kirche, morgen vielleicht im Regierungsgebäude oder in der Gemeindeverwaltung, im Dorf, in der Nachbarschaft und natürlich zuhause in den eigenen vier Wänden. Der Bettag bietet eine gute Gelegenheit, den ersten Schritt zu tun.

 

Dr. Anton Lauber
Vorsteher der Finanz- und Kirchendirektion